Räume wirken. Wie Arbeitswelten Verhalten, Kultur und Zusammenarbeit prägen
Räume sind nie neutral. Sie beeinflussen, wie wir denken, arbeiten, kommunizieren und uns orientieren. Im Gespräch mit teo jakob spricht Sandra Gauer, Expertin für neue Arbeitswelten, Architekturpsychologie & Workplace Strategie, über Architekturpsychologie, moderne Arbeitswelten und die Frage, warum Räume mehr leisten müssen als gutes Design.
Räume sind nie neutral
Frau Gauer, was fasziniert Sie persönlich an der Wirkung von Raum?
Mich fasziniert, dass Räume niemals neutral sind. Sie wirken immer, ob bewusst gestaltet oder nicht. Ein Raum sendet Signale, bevor wir ihn rational erfassen. Er vermittelt Sicherheit oder Unruhe, Offenheit oder Distanz, Orientierung oder Überforderung.
In meiner Arbeit und auch in meinem Buch «Architekturpsychologie als Erfolgsfaktor» geht es genau darum: diese psychologische Ebene sichtbar zu machen. Räume werden nicht nur gebaut, möbliert oder gestaltet. Sie werden von Menschen gelesen, erlebt und genutzt.
Genau diese Wirkung entscheidet oft darüber, ob eine Arbeitsumgebung Menschen stärkt, verbindet und aktiviert oder ob sie eher stresst, hemmt und trennt.
Was passiert aus Ihrer Sicht zwischen Menschen und Raum?
Zwischen Mensch und Raum entsteht ständig Beziehung. Wir nehmen Räume nicht nur visuell wahr. Wir erleben sie körperlich, emotional und sozial.
Ein Raum gibt uns Hinweise darauf, wie wir uns verhalten sollen. Er zeigt, was hier erwünscht ist, wie wir uns bewegen, ob wir sprechen, bleiben, weitergehen oder uns eher zurücknehmen.
Deshalb ist Raum nie bloss Kulisse. Er ist ein aktiver Mitgestalter von Verhalten. Er strukturiert Aufmerksamkeit, beeinflusst Kommunikation und prägt die Qualität von Zusammenarbeit.
Wirksamkeit entsteht im Zusammenspiel
Welche Faktoren machen einen Raum wirksam?
Ein wirksamer Raum entsteht nie durch einen einzelnen Faktor. Es ist immer das Zusammenspiel. Entscheidend sind Orientierung, Proportion, Akustik, Licht, Materialität, Geruch, Möblierung, Rückzugsmöglichkeiten und soziale Lesbarkeit.
Besonders wichtig ist für mich, dass ein Raum zur Nutzung, zur Kultur und zu den Menschen passt. Ein Raum kann gestalterisch hochwertig sein und trotzdem nicht wirksam werden, wenn er die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer ignoriert.
Wirksamkeit entsteht dort, wo Gestaltung, Psychologie, Funktion und kultureller Kontext zusammenfinden.
Warum gutes Design allein nicht reicht
Warum reicht gutes Design allein oft nicht aus?
Gutes Design bedeutet nicht automatisch gute Wirkung. Design kann beeindrucken, ästhetisch überzeugen und ein starkes Bild erzeugen. Wenn ein Raum aber keine Orientierung gibt, keine passenden Settings anbietet oder Menschen permanent überfordert, reicht gestalterische Qualität allein nicht aus.
Ich sage oft: Ein Raum darf schön sein. Aber er muss vor allem etwas können. Er muss Verhalten unterstützen, Kultur übersetzen und den Menschen in seiner Unterschiedlichkeit ernst nehmen.
Genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen einer schönen Fläche und einer wirklich wirksamen Arbeitswelt.
Perspektive teo jakob:
Bei teo jakob verstehen wir Arbeitswelten nicht als reine Einrichtungsaufgabe. Entscheidend ist, was Räume für Menschen, Kultur und Zusammenarbeit leisten sollen. Deshalb denken wir Raumkonzept, Möblierung, Materialisierung und Nutzung immer im Zusammenspiel.
Was läuft in vielen Arbeitsumgebungen heute noch falsch?
Viele Arbeitsumgebungen sind noch immer zu stark von Idealen statt von echter Nutzung geprägt. Häufig wird für Bilder, Trends oder Konzepte geplant, die auf dem Papier modern wirken, im Alltag aber nicht tief genug verankert sind.
Gerade offene und flexible Arbeitswelten werden oft vorschnell als Lösung verstanden. Dabei wird zu wenig hinterfragt, für wen sie tatsächlich funktionieren und für wen nicht.
Auch Bedürfnisse nach Orientierung, Sicherheit, Zugehörigkeit und psychologischer Entlastung werden häufig unterschätzt. Menschen brauchen nicht nur Optionen. Sie brauchen Lesbarkeit, Verlässlichkeit und Räume, in denen sie sich angemessen verhalten können.
Das Büro braucht einen echten Mehrwert
Wie hat sich die Rolle des Büros in den letzten Jahren verändert?
Das Büro hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Es ist nicht mehr einfach der Ort, an dem gearbeitet wird, weil man eben dort arbeitet. Das Büro muss heute begründen, warum Menschen kommen sollen.
Damit verschiebt sich seine Funktion. Es wird stärker zu einem Ort für Begegnung, Identifikation, kulturelle Verankerung, Zusammenarbeit, Lernen und soziale Resonanz.
Das heisst aber nicht, dass konzentriertes Arbeiten keine Rolle mehr spielt. Gute Arbeitswelten müssen beides leisten: Austausch ermöglichen und gleichzeitig Fokus, Rückzug und Regeneration ernst nehmen.
Wie Raumgestaltung Verhalten konkret verändert
Können Sie ein Beispiel nennen, wo Raumgestaltung Verhalten gezielt verändert hat?
Ein typisches Beispiel ist die bewusste Neuordnung von Begegnungszonen und Teamflächen. Wenn Kommunikationsorte nicht zufällig am Rand entstehen, sondern strategisch so eingebettet werden, dass sie Sichtbarkeit, Niederschwelligkeit und Aufenthaltsqualität haben, verändert sich Zusammenarbeit oft sehr deutlich.
Menschen kommen leichter ins Gespräch. Silos werden durchlässiger. Spontane Abstimmungen nehmen zu.
Gleichzeitig ist wichtig: Raum allein verändert noch nicht alles. Wirkung entsteht besonders dann, wenn Raumgestaltung, Führung, Nutzungsklarheit und Change Management zusammenspielen.
Welche kleinen Veränderungen haben oft grosse Wirkung?
Oft sind es nicht die grossen baulichen Eingriffe, sondern präzise Anpassungen mit psychologischer Wirkung. Eine bessere Zonierung. Klare Übergänge zwischen konzentrierten und kommunikativen Bereichen. Akustische Entlastung. Rückzugsorte, die diesen Namen auch verdienen.
Auch Sichtachsen, Orientierung und eine Möblierung, die Verhalten unterstützt, können viel verändern. Ein Raum kommuniziert immer, was hier wichtig ist. Wenn Unternehmen Zusammenarbeit betonen, aber nur Einzelarbeitsplätze dominant sichtbar machen, entsteht ein Widerspruch.
Kleine Veränderungen mit klarer Botschaft können deshalb grosse Wirkung entfalten.
Arbeitswelten brauchen Change, nicht nur Einrichtung
Was unterschätzen Unternehmen am meisten, wenn sie ihre Arbeitswelt neu denken?
Am meisten wird unterschätzt, dass Arbeitswelten nicht einfach eingeführt werden können wie ein neues Möbelkonzept. Sie müssen kulturell verankert, kommunikativ begleitet und psychologisch verstanden werden. Sonst bleiben sie Oberfläche.
Viele Unternehmen unterschätzen ausserdem die Komplexität menschlicher Reaktionen. Nicht jeder Mensch erlebt Offenheit als Freiheit. Nicht jede Reduktion von festen Plätzen wird als Gewinn wahrgenommen. Nicht jede moderne Gestaltung erzeugt automatisch Identifikation.
Genau deshalb braucht jede gute Arbeitswelt neben Strategie und Gestaltung auch ein fundiertes Workplace Change Management.
Von der Strategie zur Einrichtung
Wie greifen Strategie, Raumkonzept und Einrichtung ineinander?
Für mich beginnt jede gute Arbeitswelt mit einer klaren strategischen Frage: Was soll dieser Raum für das Unternehmen und für die Menschen leisten?
Erst wenn diese Frage beantwortet ist, kann daraus ein Raumkonzept entstehen, das Verhalten, Nutzung und Kultur wirklich unterstützt. Die Einrichtung ist dann nicht das dekorative Ende eines Prozesses. Sie ist ein zentraler Teil der Übersetzung.
Wenn die strategische Idee stark ist, das Raumkonzept sie aber nicht abbildet, verliert das Projekt an Wirkung. Wenn das Konzept stimmt, die Einrichtung aber die gewünschte Nutzung nicht unterstützt, bleibt Potenzial ungenutzt.
Welche Rolle spielen Möbel und Materialisierung für die Wirkung eines Raums?
Eine sehr grosse. Möbel und Materialien sind nicht nur Fragen des Geschmacks. Sie beeinflussen, wie ein Raum gelesen, erlebt und genutzt wird.
Möbel strukturieren Verhalten. Sie lenken, ob wir uns austauschen, zurückziehen, verweilen oder nur kurz aufhalten. Materialität wiederum hat eine starke atmosphärische Wirkung. Sie spricht unsere Sinne an und beeinflusst, ob wir einen Raum als wertig, warm, kühl, einladend oder funktional erleben.
Gerade deshalb ist die Qualität in Auswahl und Umsetzung so wichtig.
Was macht für Sie eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Beratung und Einrichtungspartnern aus?
Eine gute Zusammenarbeit entsteht dann, wenn beide Seiten denselben Wirkungsanspruch teilen. Es geht nicht nur darum, eine Fläche zu füllen oder ein schönes Ergebnis zu produzieren.
Entscheidend ist, gemeinsam zu verstehen, was diese Arbeitswelt leisten soll und wie stark die menschliche Psyche mitwirkt.
Ich schätze Partner, die nicht nur Produkte mitbringen, sondern Haltung, Verständnis und echtes Interesse an der Frage, wie Menschen Räume erleben. Wenn Beratung, Gestaltung und Einrichtung auf Augenhöhe zusammenarbeiten, entsteht ein viel stärkeres Ergebnis.
Perspektive teo jakob:
Die Stärke von teo jakob liegt an dieser Schnittstelle. Wir begleiten Unternehmen dabei, die strategische Idee in konkrete Räume zu übersetzen. Von der Analyse über das Konzept bis zur Auswahl der passenden Einrichtung. So entstehen Arbeitswelten, die nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern Kultur im Raum erlebbar machen.
Was gewinnen Unternehmen, wenn sie sich bewusst mit ihren Räumen auseinandersetzen?
Sie gewinnen weit mehr als eine schönere Arbeitsumgebung. Sie gewinnen ein Instrument, das Kultur sichtbar macht, Zusammenarbeit und Stabilität unterstützt, Orientierung gibt und Veränderung greifbar werden lässt.
Gut gestaltete Arbeitswelten können Identifikation stärken, Leistungsfähigkeit unterstützen und Mitarbeitendenbindung positiv beeinflussen.
Vor allem senden sie ein klares Signal: wie ein Unternehmen sich selbst versteht, wie ernst es seine Menschen nimmt und welche Form von Zusammenarbeit es ermöglichen will. Räume sind damit auch Ausdruck von Haltung.
Wie zeigt sich der Erfolg von gut gestalteten Arbeitswelten im Alltag?
Erfolg zeigt sich selten in einem einzelnen grossen Moment. Er zeigt sich im Alltag.
Daran, dass Räume selbstverständlich genutzt werden. Dass Zusammenarbeit leichter entsteht. Dass Menschen wissen, wohin sie für welche Tätigkeit gehen. Dass weniger Reibung entsteht. Dass konzentriertes Arbeiten ebenso möglich ist wie Austausch. Dass neue Mitarbeitende schneller Orientierung finden.
Genau das ist für mich der eigentliche Massstab: nicht die Bildwirkung, sondern die gelebte Wirkung.
Zukunftsfähige Arbeitswelten
Wohin entwickeln sich Arbeitswelten in den nächsten Jahren?
Ich glaube, dass Arbeitswelten differenzierter, bewusster und psychologisch fundierter werden müssen. Die Zeit einfacher Standardmodelle geht zu Ende.
Unternehmen werden stärker verstehen müssen, dass Menschen sehr unterschiedlich arbeiten, wahrnehmen und auf Räume reagieren.
Gleichzeitig wird das Büro noch stärker zu einem Ort der Beziehung, der Kultur und der Identifikation. Es wird weniger um pauschale Lösungen gehen und mehr um präzise Antworten auf konkrete organisationale und menschliche Bedürfnisse. Die Zukunft liegt aus meiner Sicht nicht in immer mehr Inszenierung, sondern in mehr Wirksamkeit.
Welche Haltung sollten Unternehmen heute einnehmen, um zukunftsfähig zu bleiben?
Sie sollten den Mut haben, Arbeit nicht nur organisatorisch oder technologisch neu zu denken, sondern auch psychologisch.
Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Unternehmen bereit sind, den Menschen in seiner Komplexität ernst zu nehmen. Nicht oberflächlich, sondern wirklich.
Dazu gehört auch, Räume nicht als Nebenschauplatz zu behandeln. Wer Wandel gestalten will, muss verstehen, dass Veränderung immer auch räumlich erlebt wird. Eine zukunftsfähige Haltung verbindet Strategie, Kultur, Führung, Technologie und Raum zu einem gemeinsamen Wirkungsverständnis.
Persönlicher Abschluss
Ein Raum, der Sie besonders geprägt hat und warum?
Da gibt es tatsächlich mehrere Räume, die mich tief geprägt haben. Einer davon ist die Bibliothek der Universität Wien. Ich habe dort oft gelernt. Diese alte, ehrwürdige Atmosphäre hat jedes Mal etwas in mir ausgelöst.
Ich hatte dort oft das Gefühl, konzentrierter, klarer und irgendwie sogar klüger zu sein. Für mich zeigte sich dort zum ersten Mal die Kraft von Raumwirkung: Ein Raum kann etwas in uns aktivieren, das über Funktion weit hinausgeht.
Ein zweiter Raumtyp, der mich seit jeher fasziniert, sind alte Kirchen und Tempel. Ich ziehe mich gerne dorthin zurück, weil ich dort die Wirkung von Raum in einer ganz ursprünglichen Form erlebe. Diese Orte haben eine besondere Dichte, eine Ruhe und eine fast körperlich spürbare Energie.
Wenn man Raumwirkung ganz pur erleben möchte, empfehle ich, solchen Orten bewusst Zeit zu geben. Raum entfaltet seine Wirkung nicht immer im Vorbeigehen. Manche Räume muss man wirklich auf sich wirken lassen. Genau darin liegt oft ihre tiefste Kraft.
Perspektive teo jakob:
Ob neue Bürofläche, Weiterentwicklung bestehender Arbeitswelten oder gezielte Anpassungen im Bestand: teo jakob unterstützt Unternehmen dabei, Räume strategisch zu denken und wirkungsvoll umzusetzen.